BaFin rückt Nachhaltigkeitsrisiken in den Fokus
08.10.2019

Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat am 24. September 2019 ein Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken veröffentlicht. Die Konsultationsfrist läuft bis zum 3. November 2019. Mit der Veröffentlichung hat die Aufsicht eine klare Erwartungshaltung an die von ihr direkt beaufsichtigten Unternehmen geäußert.

Auf Grund der zunehmenden Bedeutung des Themas – insbesondere auch auf politischer Ebene – ist die Aufforderung an eine angemessene Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken eine logische Konsequenz. Die BaFin kündigt an, die Inhalte in den aufsichtlichen Überprüfungsprozess zu integrieren. Unternehmen müssen entsprechend der Empfehlung Nachhaltigkeitsrisiken identifizieren, dokumentieren, und angemessen in ihrer Geschäfts- und Risikostrategie berücksichtigen.

Um die zunehmende Wirkung von Nachhaltigkeitsrisiken angemessen berücksichtigen zu können, muss eine Übersetzung in die etablierten Risikoarten stattfinden. Die Einführung einer eigenständigen Risikoart Nachhaltigkeitsrisiken hat die BaFin aufgrund der Tatsache, dass Nachhaltigkeitsrisiken auf alle bekannten Risikoarten wirken, nicht vorgenommen. Insgesamt erachtet die Aufsicht eine strategische Befassung mit dem Thema und eine entsprechende Umsetzung für erforderlich. Diesbezüglich verweist die BaFin auf die Gesamtverantwortung der Geschäftsleitung, die eine den Risiken angemessene Geschäftsorganisation sicherzustellen hat und eine Vorbildfunktion wahrnehmen soll.

Unverbindlicher Charakter

Die Behörde weist darauf hin, dass bestehende gesetzliche Vorgaben weiterhin umgesetzt werden müssen. Das Merkblatt ist als eine sinnvolle Ergänzung der als Rundschreiben formulierten Mindestanforderungen an das Risikomanagement für Kreditinstitute, Versicherungsunternehmen und Kapitalverwaltungsgesellschaften zu verstehen. Trotz des unverbindlichen Charakters ist zu erwarten, dass die Inhalte als Orientierung etwa in der aufsichtlichen Prüfungspraxis oder im Rahmen von Jahresabschlussprüfungen herangezogen werden.

Orientierung und Sammlung von Good Practices

Das Merkblatt knüpft direkt an die in §25a KWG, §26 VAG, §28 KAGB und §80 WpHG genannten Anforderungen zum Risikomanagement an, wonach implizit auch Nachhaltigkeitsrisiken zu messen und steuern sind. Die Ausführungen sollen laut BaFin dabei im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken als Orientierung und Sammlung von Good Practices dienen. Aufgezeigte Grundsätze und Prozesse sollen als sinnvolle Verfahrensweisen verstanden werden und dadurch bei der Behandlung von Nachhaltigkeitsrisiken als Leitgedanken ohne Verpflichtung zur Umsetzung aller dargestellten Aspekte herangezogen werden.

Das Merkblatt gilt für alle von ihr beaufsichtigten Unternehmen. Zu diesen zählen insbesondere Kredit- und Versicherungsinstitute, Kapitalverwaltungsgesellschaften und Finanzdienstleistungsinstitute aber auch deren Niederlassungen im Ausland sowie im Inland ansässige Niederlassungen aus Drittstaaten. Hinsichtlich der Kreditinstitute wird klargestellt, dass das Schreiben nicht für direkt von der Europäischen Zentralbank (EZB) beaufsichtigte signifikante Institute gilt, diese jedoch im eigenen Ermessen die Empfehlungen zur Orientierung nutzen können.

Langer Zeithorizont

Die Aufsicht stellt heraus, dass der bisweilen lange Zeithorizont von Nachhaltigkeitsrisiken ihrer Ansicht nach insbesondere weniger komplexe Unternehmen vor große Herausforderungen stellt. Sie betont, dass diese Risiken aufgrund der häufig nicht vorhandenen historischen Datengrundlage, der vielen zu berücksichtigenden Faktoren und diverser Unsicherheiten über zukünftige Klima- und Politikszenarien mitunter schwer zu messen und zu steuern sind. Dies könnte es erforderlich machen, bisherige Strukturen anzupassen und möglicherweise neue, innovative Methoden zur Steuerung von Nachhaltigkeitsrisiken zu entwickeln.

Letztlich sind die beaufsichtigten Unternehmen aufgerufen, einen ihrem Risikoprofil angemessenen Ansatz im Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken zu entwickeln und umzusetzen. Die Fokussierung auf unter anderem Stresstests und Szenarioanalysen zeigt auf, dass die BaFin zunächst an einer vor allem qualitativen Diskussion des Themas im Risikomanagement interessiert ist.

Risiken aus dem Klimawandel

Aus dem Klimawandel entwickeln sich aktuell Risiken, die sich nach jüngsten Modellrechnungen weltweit auf bis zu 550 Billionen US-Dollar summieren. Neben Risiken aus dem Klimawandel betont die BaFin jedoch, dass auch andere Risiken aus Veränderungen von Umwelt, Sozialem und Unternehmensführung berücksichtigt werden und führt Beispiele an, die ein Risiko in ähnlicher Höhe der Kosten des Klimawandels beinhalten und aus Sicht der BaFin systemrelevant sein können.    

Entsprechend definiert die BaFin Nachhaltigkeitsrisiken als: „Ereignisse oder Bedingungen aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, deren Eintreten tatsächlich oder potenziell erheblich negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- oder Ertragslage sowie auf die Reputation eines Unternehmens haben können; dies schließt klimabezogene Risiken in Form von physischen Risiken und Transitionsrisiken ein.“

Physische Risiken

Unter physischen Risiken versteht die BaFin die direkten und indirekten Folgen sowohl aus einzelnen Extremwetterereignissen als auch langfristigen Veränderungen klimatischer und ökologischer Bedingungen. Zudem können physische Risiken potenziell dazu führen, dass Verursacher von Umweltschäden bzw. Unternehmen, die Nachhaltigkeitsrisiken vernachlässigen, gerichtlich für die Folgen zur Verantwortung gezogen werden.

Transitionsrisiken

Transitionsrisiken sieht die BaFin in der Folge von Anpassungsprozessen bei der Umstellung auf eine kohlenstoffarme Wirtschaft und einer damit verbundenen Verdrängung kohlenstoffintensiver Technologien sowie der Verteuerung oder Verknappung fossiler Energieträger, auch aufgrund politischer Initiativen. Beispielsweise führen der Kohleausstieg und eine CO2-Steuer zu neuen Herausforderungen und Investitionen auf sektorübergreifender Ebene.

Zwischen physischen Risiken und Transitionsrisiken bestehen zudem Interdependenzen. Beispielsweise kann eine zu langsam voranschreitende Energiewende häufigere und schwerere physische Schäden hervorrufen und in der Folge eine deutlich abruptere Umstellung der Wirtschaft notwendig machen, wodurch sich Transitionsrisiken erhöhen. Zu beiden Risiken erläutert das Merkblatt beispielhaft, wie sich diese in den klassischen Risiken des Finanzsektors niederschlagen (zum Beispiel in Kredit-, Marktpreis- und Liquiditätsrisiken). Dies ist eine wichtige Grundlage für die Überprüfung der eigenen Risikoinventur.

Reputationsrisiken

Neben der Wirkung von Nachhaltigkeitsrisiken auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage wird auch die Wirkung auf Reputationsrisiken beschrieben. Die Wirkung kann dabei aufgrund von eingetretenen Ereignissen und Verhaltensweisen entstehen oder durch Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen mit hohen Nachhaltigkeitsrisiken. Darüber hinaus kann ein Reputationsrisiko entstehen, wenn bei Kunden, Mitarbeitern etc. der Eindruck entsteht, dass das Unternehmen nur unzureichende Nachhaltigkeitsanstrengungen unternimmt.

Fazit

Die EU-Kommission hat mit dem Aktionsplan zur Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums bereits im Jahr 2018 ein umfassendes Paket auch legislativer Maßnahmen auf europäischer Ebene auf den Weg gebracht. Die Marktbereiche des Finanzsektors reagieren bereits seit langem auf das gestiegene Interesse institutioneller und privater Investoren. Das BaFin-Merkblatt ist nur ein nationaler Vorbote weiterer zu erwartender Maßnahmen der Aufsichtsbehörden. Technisch gesehen ist es vergleichsweise unverbindlich und dient der Orientierung. Eine baldige Überführung in die Prüfungspraxis der Aufsichtsorgane ist zu erwarten.

Autoren

 

Christoph Betz,
Partner

Thilo Kasprowicz,
Partner

Markus Quick,
Partner

Weitere Mitarbeit:

Maren Schmitz, Partner
Dr. Sebastian Rick, Senior Manager
Dr. Roman Schulze, Senior Manager
Gerald Rosenfeld, Manager

alle Financial Services, KPMG

Bildquelle: iStock.com/Tero Vesalainen


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