Banken distanzieren sich von Russland

Banken distanzieren sich von Russland
13.04.2018

Vor sechs Monaten ging der russische Energiekonzern En+ Group mithilfe einer Reihe von westlichen Banken an die Londoner Börse. Heute versuchen diese Banken, sich nach den amerikanischen Sanktionen gegen Russland so schnell wie möglich von En+ zu distanzieren. Vergangenen Freitag wurden En+, die Aluminiumtochter Rusal und ihr Besitzer Oleg Deripaska auf eine Sanktionsliste mit Dutzenden russischen Personen und Organisationen gesetzt. Citigroup, Credit Suisse und andere Banken kappen nun ihre Verbindungen zu dem Unternehmen, berichten mit der Angelegenheit vertraute Personen. Moody's Investors Service und Fitch Ratings entziehen Rusal ihre Ratings, und die London Metal Exchange will die Rohstoffe des Unternehmens nicht mehr anbieten.

Folgen sind weitreichend

"Das ist Neuland", sagt Tom Cummins, Partner bei der Londoner Kanzlei Ashurst. Noch nie seien Einzelpersonen, die so sehr in die Rohstoff-, Finanz- und Handelsmärkte integriert sind, das Ziel von Sanktionen gewesen, sagt er. Amerikanische wie nichtamerikanische Finanzinstitute müssen sich jetzt mit den US-Sanktionen auseinandersetzen. Wenn nichtamerikanische Institute "wesentliche Transaktionen" mit auf der Sanktionsliste genannten Namen abwickeln, drohen ihnen selbst Sanktionen. Viele Institute sagen deshalb, dass sie Vorsicht walten lassen und die Regeln eher streng auslegen, um nicht vom US-Finanzsystem ausgeschlossen zu werden. Compliance-Teams prüfen ihre Kundenlisten, um mögliche Verbindungen zu Tochter-oder Partnergesellschaften der sanktionierten Organisationen zu finden, sagen Banker. Mehrere europäische Institute haben Rusal Kreditrahmen zur Verfügung gestellt und finanzieren die Metallverkäufe des Unternehmens. Aus Angst, dass die US-Regierung ihre Sanktionsliste noch ausweiten könnte, distanzieren sich einige Institute sogar komplett von Personen und Unternehmen mit Beziehungen zum Kreml. Dadurch haben der Rubel, russische Anleihen und viele der größten russischen Unternehmen stark an Wert verloren. 

Banken müssen zwei Fristen im Mai und im Juni einhalten, wenn sie ihre Beziehungen zu sanktionierten Organisationen kappen. London könnte besonders unter den Sanktionen leiden, da reiche Russen dort Unternehmen angesiedelt und Fußballteams sowie große Mengen an teuren Immobilien gekauft haben. Viele Londoner Banken haben russischen Unternehmen geholfen, an die Börse zu gehen und Anleihen auszugeben, und haben ihnen Geld geliehen.

Frühere Strafen sind eine Warnung

Die USA haben schon häufig ihre Wirtschaftsmacht gebraucht, um Gegner unter Druck zu setzen. Im vergangenen Jahrzehnt haben US-Behörden ausländischen Banken milliardenschwere Strafen aufgebrummt, weil sie sich nicht an US-Sanktionen gehalten hatten. Daraufhin verabschiedeten sich diese Institute aus großen Teilen des Nahen Ostens und Südamerikas und von Tausenden von Kunden, die ihnen zu riskant erschienen. Die Sanktionen gegen Russland erhöhen den Druck weiter, sagen Experten. Manche glauben, dass Banken und Investoren noch gar nicht klar sei, wie weitreichend diese Sanktionen sein könnten. Einige große Industriekonzerne haben dadurch effektiv den gleichen Status wie Drogenhändler oder iranische Organisationen, die im Waffenhandel aktiv sind.

Für Banken ist es relativ einfach, keine Geschäfte mit dem Iran zu machen. Anders sieht es jedoch bei globalen Aluminiumhändlern und anderen russischen Rohstoffkonzernen aus. Rohstoffe werden fast ausschließlich in Dollar angeboten, und Banken vergeben häufig Kredite an Käufer von Öl und Metallen.

En+ ist ein Paradebeispiel dafür. Das Unternehmen ging im November 2017 mithilfe von Citigroup, Credit Suisse und Societe Generale in London an die Börse und sammelte dabei 1,5 Mrd. US-Dollar ein. Nach den Sanktionen gegen Moskau aus dem Jahr 2014 galt der Börsengang als Zeichen der Normalisierung der Beziehungen. Jetzt haben Investoren bis zum 7. Mai Zeit, um Anleihen, Aktien oder andere Beteiligungen an En+ zu verkaufen oder zu übertragen. Das Clearinghaus LCH hat bereits angekündigt, keine Aktien von Rusal oder En+ mehr zu bearbeiten, und der Indexanbieter FTSE Russell will Rusal und En+ am Freitag aus den FTSE-Indizes herausnehmen. Hinterlegungsscheine von En+ verloren in London zuerst die Hälfte ihres Wertes, bevor sie am Montag vom Handel ausgesetzt wurden. Andere sanktionierte Unternehmen, die sich in Europa finanzieren wollten, müssen jetzt ihre Pläne ändern. Diese Woche haben Citigroup und Goldman Sachs die Planung des Börsengangs von Octo Telematics abgebrochen, sagen mit der Transaktion vertraute Personen. Der indirekte Mehrheitsaktionär des italienischen Unternehmens, Viktor Vekselberg, steht auch auf der Sanktionsliste. (DJN) 

Bildquelle: ©yulenochekk | istockphoto.com


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