Banken stehen vor Herausforderungen
19.03.2020

Das Virus verlangt den Banken einiges ab: Quarantänefälle, Virtuelle Meetings, gesplittete Teams – und jetzt sind auch noch Schulen und Kindertagesstätten geschlossen. Viele Mitarbeiter haben keine andere Wahl, als zu Hause zu bleiben und sich um ihre Kinder zu kümmern. Die Banken stehen damit vor einer ganzen Reihe tatsächlicher und rechtlicher Herausforderungen, die über die reine Anordnung von Homeoffice-Tagen weit hinausreichen. Die gute Nachricht: Das Virus bietet zugleich eine Chance zur Modernisierung.

Eine besondere Rolle fällt dabei den Personalabteilungen (Human Resources) zu: während die meisten Business-Continuity-Pläne sich in erster Linie mit der Bedrohung durch Hacker oder Terroranschläge beschäftigen, stehen bei der aktuellen Situation die einzelnen Mitarbeiter, ihre Gesundheit und der Schutz ihrer Familie im Vordergrund. Im Rahmen der vertrauensvollen Zusammenarbeit nach dem Betriebsverfassungsgesetz sind Betriebsräte und Gewerkschaften nun gefordert, gemeinsam mit dem Arbeitgeber einen Zeitraum von mindestens einem Monat gemeinsam so zu gestalten, dass die obigen Rechtsgüter geschützt und die Funktionsfähigkeit der Bank gewährleistet wird.

Neue Arbeitsmittel

Homeoffice bzw. mobiles Arbeiten ist für Banken kein Fremdwort. Die meisten Mitarbeiter haben die nötigen technologischen Voraussetzungen zur Verfügung. Vielerorts gibt es allerdings noch Raum für Verbesserungen. Infrage kommen zum Beispiel zusätzliche Monitore oder Drucker. Außerdem lässt sich diskutieren, ob Arbeitsmittel aus dem Büro vorübergehend mit nach Hause genommen werden dürfen. Kameras für Videokonferenzen finden sich heute bereits in den meisten Laptops, doch ein zusätzliches Headset kann zum Beispiel dabei helfen, Telefonate auch dann zu führen, wenn im Hintergrund die Kinder spielen. Anstelle von Betriebsvereinbarungen können die Betriebspartner auch mit Regelungsabreden die Mitbestimmungsrechte sowie die Unterrichtungs- und Beratungsrechte des Betriebsrats sicherstellen und damit gemeinsame Lösungen erarbeiten.

Präsenzkultur

Das Virus stellt die in vielen Banken nach wie vor geltende Präsenzkultur infrage. Vom Abteilungsmeeting bis zur Kundenveranstaltung wird aktuell jede Zusammenkunft daraufhin überprüft, ob sie sich virtuell abbilden lässt. Bei Treffen, die weiterhin physisch abgehalten werden, wird das Risiko über Rotationssysteme und gesplittete Teams reduziert. Hierfür müssen die Führungskräfte festlegen und kommunizieren, wer an welchen Veranstaltungen teilnimmt, welche Personen sich nicht im gleichen Raum aufhalten sollen, und welche Vertretungsbefugnisse für welches Meeting erforderlich sind.

Perspektivisch bietet die aktuelle Situation die Gelegenheit, Führungsaufgaben und etwa auch Personalgespräche verstärkt als Telefon- und Videokonferenzen darzustellen. Dabei kommt es darauf an, die Fragen der Mitarbeiter zu beantworten und um Vertrauen dafür zu werben, dass alle gemeinsam die Krise gut bewältigen können.

Auch die Führungskräfte werden bei dieser Umstellung Unterstützung benötigen. Führung per Telefon oder das Personalgespräch per Videokonferenz unterscheiden sich deutlich vom Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Hier können Coachings und Trainings helfen, die insbesondere in der aktuellen Situation auch als Online-Schulungen angeboten werden können. Das Ende der Präsenzkultur kann wichtige Impulse für die Betriebskultur und die Leistungsbeurteilung von Mitarbeitern bewirken.

Kinderbetreuung

Kinder sind, anders als ältere Mitbürger, keine Risikogruppe. Doch wenn Schulen und Kindertagesstätten schließen, dann stellt sich die Frage der Betreuung. Manche Banken gehen dazu über, Tagesmutter-ähnliche Betreuungskonzepte zu entwickeln. Darüber hinaus gewinnen viele Banken durch das mobile Arbeiten freien Büroraum, der auch dazu genutzt werden kann, dass Eltern ihre Kinder mit an den Arbeitsplatz bringen. Schwieriger wird es bei der Frage, ob Kinder in der Kantine essen dürfen. Natürlich können Kantinen Mittagessen für Kinder bereithalten, doch stellt sich hier die Frage des Gesundheitsschutzes besonders dringlich. Im Zuge einer allgemeinen Schließung von Restaurants werden deshalb auch Kantinen nicht weiter öffnen können.

Flexible Arbeitszeiten

Wer tagsüber zu Hause seine Kinder betreut, der wird notgedrungen seine Arbeit im Homeoffice auf den frühen Morgen oder den späten Abend verlagern oder zumindest ausdehnen müssen. Telefonkonferenzen können auch außerhalb der üblichen Geschäftszeiten angesetzt werden. Als rechtliche Instrumente kommen hier die Vertrauensarbeitszeit sowie Regelungen per Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung in Frage. Auch das Instrument der Rufbereitschaft kann hier unterstützen.

An dieser Stelle könnte schließlich auch der Gesetzgeber die Corona-Krise produktiv nutzen und nach §7 Abs. 6 Arbeitszeitgesetz für eine beschränkte Zeit per Verordnung die Handhabung von Arbeitszeit und Ruhepausen flexibilisieren. Darüber hinaus wäre dies eine gute Gelegenheit, das Arbeitszeitgesetz an die modernen Anforderungen einer digitalen Arbeitswelt anzupassen. In der Zwischenzeit dürften die Aufsichtsbehörden die in den Banken getroffenen Maßnahmen mit Augenmaß betrachten. Dafür ist es hilfreich, wenn die Maßnahmen von den Betriebs- und Sozialpartnern gemeinsam getroffen werden.

Neue Projekte

Müssen Banken durch die Corona-Krise eher mehr oder eher weniger Arbeit als sonst bewältigen? Fluggesellschaften zum Beispiel streichen Flüge und müssen sparen. Doch Kreditverträge und Handelsaktivitäten in den Banken laufen auch bei sinkenden Börsenkursen weiter. Der Handel aus dem Homeoffice ist nach der neuesten Regelung der BaFin jetzt ausdrücklich erlaubt.

Zumindest vorübergehend dürften die Banken sich eher mit einem größeren Arbeitspensum konfrontiert sehen als mit einem kleineren. Dafür sorgt schon der Aufwand für die Aktivierung von Notfallplänen, die Sicherstellung kritischer Funktionen wie Führung, IT-Systeme oder Gehaltsabrechnung sowie Krisenmeetings und interne Kommunikation. Zugleich haben Mitarbeiter, die ihre Kinder betreuen, tendenziell weniger Zeit zur Verfügung als bisher. Auf der anderen Seite gibt es auch Faktoren, die die Arbeitsmenge reduzieren: Meetings, die gestrichen werden und sich nicht virtuell abbilden lassen, eingesparte Reisezeit und Projekte, die beendet oder verschoben werden. Hier kann sich Freiraum ergeben, der für neue Projekte genutzt werden kann.

Banken können ihr Wissens- und Organisationsmanagement überarbeiten und Ideen entwickeln, wie die organisatorischen Veränderungen in der Corona-Krise auch für die Zeit danach genutzt werden können. Die Betriebs- und Sozialpartner können darüber hinaus die Regelungskomplexität ihrer Vereinbarungen überprüfen und auf Vereinfachungen hinwirken. So wird die Krisenzeit zur Verhandlungs- und Projektzeit zwischen Unternehmensführung, Betriebsrat und Gewerkschaften.

Schließlich können unterschiedliche Belastungssituationen zwischen verschiedenen Mitarbeitergruppen mit Zeitwertkonten, Überstunden und Urlaubstagen aufgefangen werden. Das Bundesarbeitsgericht erlaubt es außerdem, bis zu drei Fünftel des Jahresurlaubs kollektiv mit dem Betriebsrat als Betriebsferien zu vereinbaren.

Die Corona-Krise bietet also Gestaltungsmöglichkeiten, die den Banken normalerweise in dieser Weise nicht offenstehen. Führungskräfte, Mitarbeiter, Betriebsräte und Gewerkschaften sollten zusammenarbeiten, um die nötigen Maßnahmen zu beschließen, umzusetzen und zu kommunizieren. Dabei sollten sie die geltenden Rechtsnormen als Brücken der eigene Gestaltungsmacht auffassen, nicht als Entschuldigung für eine Fortführung des Status quo.

Autoren:

Dr. Alexander Insam (Foto links), M.A. ist Partner, Mediator, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Dr. Martin Hörtz (Foto rechts) ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Beide sind für die KPMG Law Rechtsanwaltsgesellschaft mbH tätig.

 

 

Bildquelle: Photo by Drew Beamer on Unsplash


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