Der wichtigste Zinssatz der Welt verschwindet

Der wichtigste Zinssatz der Welt verschwindet
19.06.2020

Die Abschaffung des LIBOR-Zinssatzes wird die Finanzmärkte weltweit grundlegend verändern. Gegenwärtig beziehen sich weltweit Finanzverträge im Wert von 350 Bio. US-$ auf diesen Zinssatz. Banken und andere Finanzinstitutionen sind nun verpflichtet, bis Ende Dezember 2021 alle Vereinbarungen, die den LIBOR als Referenzzinssatz verwenden, auslaufen zu lassen und zu einem alternativen Referenzzinssatz überzugehen.

Der Termin mag zwar noch in weiter Ferne erscheinen, aber der Prozess wird langwierig und hochkomplex sein. Um einen reibungslosen Übergang zu gewährleisten, müssen Banken und andere betroffene Organisationen lange im Voraus mit den Vorbereitungen beginnen. Für viele Finanzinstitutionen wird der Übergangsprozess die Bildung von spezialisierten Teams, das Sortieren riesiger Mengen von Dokumenten, die Einführung neuer Technologien, die Neuverhandlung bestehender Vereinbarungen und die Entwicklung völlig neuer Finanzprodukte beinhalten.

Eine frühzeitige und gründliche Vorbereitung ist von entscheidender Bedeutung für die Minimierung von Risiken jedweder Art finanzielle Risiken, Verstöße gegen Rechts- und Compliance-Vorschriften und Betriebsstörungen. Vorausschauende Planung erleichtert auch einen reibungslosen Ablauf für die Kunden und trägt dazu bei, die Kundenzufriedenheit und -bindung zu erhalten oder gar zu erhöhen.

Der beste Weg, mit den Vorbereitungen zu beginnen, besteht darin, zu verstehen, was genau LIBOR ist und wie sich seine Abschaffung auf das Geschäft auswirken wird, einschließlich der Frage, welche Produkte betroffen sein werden, welche Ersatzoptionen es gibt und was genau der komplexe Übergangsprozess beinhaltet. Dafür empfiehlt es sich, anhand folgender Punkte vorzugehen:

  • Was genau ist der LIBOR-Zinssatz und warum verschwindet er?
    Der LIBOR (London Interbank Offered Rate) beeinflusst fast alle variablen Finanzanlagen auf dem Markt. Laut der US-Behörde für den Verbraucherschutz im Finanzsektor basiert der LIBOR-Zinssatz auf bestimmten Arten von Transaktionen zwischen Banken, die heute nicht mehr so häufig vorkommen wie früher, was den Zinssatz weniger zuverlässig macht. Die Leitungsgremien, die diesen Index überwachen, haben erklärt, dass sie nicht garantieren können, dass der Zinssatz nach 2021 noch verfügbar sein wird. Bestimmte Banken im Privatsektor, die derzeit verpflichtet sind, Informationen zu übermitteln, mit denen der LIBOR-Satz festgelegt wird, müssen dies nach dem nächsten Jahr nicht mehr tun. Das bedeutet im Folgeschluss, dass der Zinssatz dann den zugrundeliegenden Markt nicht mehr genau widerspiegeln wird. Ab diesem Moment wird sich die Qualität des Zinssatzes wahrscheinlich soweit verschlechtern, dass er nicht mehr glaubwürdig ist - was zum unmittelbaren Verschwinden des LIBOR führen kann.
    Die Aufhebung des LIBOR als Basiszinssatz für variable Finanzprodukte steht unbestritten bevor, was die Vorbereitung auf den Übergang und die Implementierung alternativer Referenzzinssätze lange vor dessen Beendigung zwingend erforderlich macht.
  • Welche Arten von Unternehmen werden betroffen sein?
    Jegliche Bank oder Finanzinstitution wird betroffen sein, angefangen bei den kleinen regionalen Banken, die lokale Verbraucher bedienen, bis hin zu den großen globalen Finanzinstitutionen, die kommerzielle Dienstleistungen für global tätige Unternehmen anbieten. Darüber hinaus werden auch verwandte Branchen wie das Versicherungswesen von der Einstellung des LIBOR betroffen sein.
    Von der LIBOR-Übergangsregelung direkt betroffen sein werden Investmentbanken, Retail-Banken, Handelsbanken, Versicherungs- und Rückversicherungsmakler, Vermögensverwalter, Rentenversicherungen, Hedge-Fonds, Regulierte Fonds sowie bankfremde Kreditgeber. Die Liste ist keineswegs komplett: Alle Unternehmen, die den LIBOR-Zinssatz bei irgendeiner Art von Finanzangeboten verwenden, müssen bei allen damit verbundenen Vereinbarungen zu einem alternativen Referenzzinssatz übergehen und in einigen Fällen völlig neue Produkte auf der Grundlage neuer Modelle entwickeln.
  • Welche Arten von Produkten müssen ersetzt oder geändert werden?
    Von Hypothekenverträgen bis hin zu 340-seitigen kommerziellen Kreditverträgen wird jede Art von Finanzprodukt, das den LIBOR verwendet, betroffen sein:

    • Derivate, wie Zinssatz-Swaps, Währungsswaps, Rohstoff-Swaps, Kreditausfalltausch, Zins-Futures und Zinsoptionen.
    • Anleihen, z.B. Unternehmensanleihen, variabel verzinsliche Anleihen, gedeckte Anleihen, Leasing und Handelsfinanzierung.
    • Darlehen: Konsortial-, verbriefte-, oder Konzerndarlehen, Immobilienhypotheken, Privatkredite und sogar bestimmte Arten von Studentenkrediten. Kurz gesagt, jede Art von Darlehen, bei denen ein variabler Zinssatz verwendet wird, der ganz oder teilweise auf dem LIBOR basiert, wird davon betroffen sein.Kurzfristige Finanzservices, wie z.B. Rückkaufvereinbarungen, Reverse-Repo-Geschäfte und Wertpapiere.
    • Verbriefte Produkte: Hypothekendarlehen, Asset-backed Securities und CMBS-Verbriefungen.
    • Privatkundengeschäfte: Kredite, Hypotheken, Renten, Kreditkarten, Überziehungskredite und Zahlungsverzug.
  • Welche Zinssätze werden den LIBOR ersetzen?
    Untenstehend sind die alternativen Referenzzinssätze (Alternative Reference Rates, ARR), genannt, die den LIBOR/IBOR-Zinssatz ersetzen, sowie die geographischen Märkte, in denen die neuen Zinssätze verwendet werden:  

  • Wann sollte die Vorbereitung beginnen?
    In vielen Unternehmen sind Hunderttausende von LIBOR-basierten Finanzverträgen im Umlauf. Für einen erfolgreichen Übergang ist eine ganze Reihe von Schritten erforderlich. Einer der wichtigsten und dringendsten ist die Sichtung, wo LIBOR unternehmensübergreifend verwendet wird, und darüber hinaus die Identifizierung jedes individuellen Vertrags, jeder Vereinbarung und jedes damit in Zusammenhang stehenden Dokuments. Zweifelsohne wird das Identifizieren und Sammeln aller Verträge, die den LIBOR-Zinssatz verwenden, ein umfangreicher und aufwendiger Prozess.


Unabhängig davon, ob es sich um eine kleine Bank oder ein großes Finanzinstitut handelt: das Durchsuchen, Lesen und Lokalisieren aller Dokumente, die auf LIBOR verweisen, wird umständlich, kostspielig und zeitaufwendig sein, wenn es vollständig manuell durchgeführt werden muss. Technologien, die auf KI basieren und Content-Intelligence-Technologien nutzen, können sich als unschätzbare Helfer erweisen, ebenso fortschrittliche OCR- und NLP-Technologie, um relevante Verträge zu identifizieren und entscheidende Daten automatisch zu extrahieren.
Die Identifizierung aller LIBOR-abhängigen Verträge ist zwar nur der erste Schritt, aber ein essenzieller. Nachdem alle relevanten Verträge zusammengestellt worden sind, muss jeder einzelne Vertrag auf den neuen alternativen Referenzsatz umgestellt werden. Für viele Finanzdienstleister wird dieser Prozess wahrscheinlich eine erhebliche Zahl an Neuverhandlungen mit sich ziehen, insbesondere bei Verträgen über hochwertige Finanzdienstleistungen oder Vereinbarungen mit Gewerbekunden.

In den kompletten Übergangsprozess werden vermutlich viele Geschäftsbereiche involviert sein – von der Rechts- und Compliance-Abteilung und das Risikomanagement über das Produktmanagement bis hin zu Marketing und PR für die Entwicklung effektiver Kommunikationsstrategien für Kunden, Investoren und Interessensgruppen. Um den Übergang erfolgreich zu meistern, bedarf es eines klar definierten Fahrplans, einer langfristigen Vision und der richtigen Technologien.
Der Wegfall des LIBOR als Referenzzinssatz scheint vielleicht noch weit weg. Doch für Unternehmen, die das finanzielle und rechtliche Risiko minimieren, einen nahtlosen Übergang gewährleisten, ihren Marktanteil halten und die Kundentreue sichern wollen, ist jetzt die Zeit, mit den Vorbereitungen zu beginnen. 

Autor: 

Markus Pichler, VP Sales bei ABBYY Europe

Bildquellen:

ABBY, istock.com/marchmeena29


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