Geldwäscher mit ihren eigenen Mitteln schlagen
25.06.2019

Die Bekämpfung der Finanzkriminalität ist eine Herausforderung, der sich Banken, Behörden und Technologieanbieter stärker partnerschaftlich stellen sollten. Die Akteure sollten „geheime Absprachen“ treffen, um Geldwäscher mit ihren eigenen Mitteln schlagen, schreibt die Expertin für Finanzkriminalität und Betrugsprävention Mariola Marzouk in einem Gastbeitrag.

Handelsbasierte Geldwäsche, also Trade-Based Money Laundering (TBML), wird von der Financial Action Task Force definiert als „Prozess der Verschleierung von Erträgen aus Straftaten und Wertbewegungen durch den Einsatz von Handelsgeschäften, um ihre illegale Herkunft zu legitimieren.“ Ein Beispiel für TBML-Aktivitäten ist ein von Europol untersuchter Fall, bei dem ein kriminelles Unternehmen ein Netzwerk von Lebensmitteleinrichtungen in Spanien und Deutschland nutzte, um seine Aktivitäten zu verbergen. Die Firma gab sich als Dönerfleischlieferant aus. Die spanischen Behörden schätzen, dass rund 36 Mio. Euro von dem Netzwerk als angebliche Zahlungen für die Lieferung von Dönerfleisch überwiesen und gewaschen wurden.

Die Untersuchung solcher kriminellen Strukturen erfordert Zeit, ausgefeilte Techniken und eine internationale Zusammenarbeit zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen. Trotz zahlreicher weltweiter Richtlinien und verschiedener Initiativen zum Informationsaustausch sieht sich die von Regulierungsmaßnahmen betroffene Branche immer noch damit überfordert, Verbrechen aufzudecken und zu verstehen. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Viele Vermittler innerhalb der Lieferkette

Das weltweite Handelsvolumen wird Schätzungen zufolge bis Ende 2019 über 19 Bio. Dollar erreichen. Dies schafft viele Möglichkeiten, eine legitime Geschäftstätigkeit mit einer illegitimen zu verknüpfen und auf diese Weise Herkunft, Zweck und Bestimmung von Geldern effektiv zu verdecken. Darüber hinaus sind an der Durchführung einer Handelstransaktion viele Vermittler innerhalb der Lieferkette beteiligt, die möglicherweise für eine kriminelle Aktivität missbraucht werden könnten. Die weit verbreitete Nutzung von Open-Account-Handelsvereinbarungen, also des Kaufs gegen Rechnung (die Ware wird vom Verkäufer geliefert, bevor der Käufer sie bezahlt), basieren auf gegenseitigem Vertrauen und sind daher schwer überwachbar.

Institutionen, die sich der Aufdeckung handelsbasierter Geldwäsche widmen, haben Mühe, sich ein Gesamtbild von den kriminellen Aktivitäten zu machen. Steuer-, Strafverfolgungs- und Zollbehörden sowie Banken neigen dazu, Daten nur dann weiterzugeben, wenn bereits ein TBML-Fall untersucht wird. Die bei den nationalen Financial Intelligence Units (FIUs) eingereichten Suspicious Activity Reports (SARs) gehören zu den wichtigen Instrumenten, mit denen Banken Informationen mit Regierungsbehörden austauschen, enthalten jedoch selten einen Hinweis auf die TBML-Typologien.

Darüber hinaus werden die Dokumente in der Regel überwiegend von Banken im Vereinigten Königreich (UK) und in den Niederlanden eingereicht, während sich die kriminellen Aktivitäten über viele Länder erstrecken und professionelle Dienstleister wie Rechtsanwälte, Buchhalter und Unternehmensgründer nutzen, die im Vergleich zu den Geldhäusern eine sehr niedrige SAR-Meldequote aufweisen. Global tätige Institute, die daher einen besseren Überblick über das Ausmaß des Problems der handelsbasierten Geldwäsche haben, müssen nach wie vor SARs nach regionalen Vorgaben einreichen. Dieses bruchstückhafte Bild wird aufgrund der internationalen Beschränkungen des Informationsaustauschs selten wieder zusammengesetzt. Angesichts der ungenügenden Datenlage haben es die FIUs schwer, aussagekräftige strategische Analysen, Empfehlungen und Richtlinien zur Bekämpfung der handelsbasierten Geldwäsche vorzulegen.

Kundenbetreuer an vorderster Front

Da der Bereich der Handelsfinanzierung äußerst kompliziert ist und es weltweit nicht genügend TBML-Experten gibt, wird das Erkennen von Warnsignalen häufig den Mitarbeitern aus der Handelsabwicklung übertragen. Diese sind jedoch für die Bekämpfung von Geldwäsche nicht ausgebildet. Zudem haben diese Mitarbeiter nur sehr eingeschränkten Zugriff auf Informationen, die ihnen bei Entscheidungen helfen könnten. Es liegt nahe, dass Kundenbetreuer, die für die Pflege der engen Kundenbeziehung verantwortlich sind, am besten geeignet sind, bei der Erkennung verdächtiger Handelsaktivitäten an vorderster Front zu stehen.

Angesichts des regionalen Ansatzes bei der Bekämpfung der grenzüberschreitenden Kriminalität ist es daher verständlich, dass sich die von Regulierung betroffene Branche von der TBML-Herausforderung überfordert fühlt. Es gibt jedoch Grund zu Optimismus. Denn bei Betrachtung des Gesamtbilds wird der gemeinsame Nenner sichtbar: Bei allen Arten von Geldwäsche spielen geheime Absprachen eine Rolle. Kriminelle Akteure müssen sich lediglich darauf einigen, zusammenzuarbeiten, um ihre Geschäfte abzusichern. Um als legitime und damit vertrauenswürdige Geschäftsleute auftreten zu können, kooperieren sie und gründen legitime Firmen verwandter Branchen, deren Handelsbeziehungen keinen Verdacht erregen.

Firmen von verdeckten Inhabern geführt

Diese Macht der „geheimen Absprachen“ lässt sich anhand des weithin bekannten Geldwäschesystems „Russischer Waschsalon“ illustrieren. Von Januar 2011 bis Oktober 2014 wurden 20,8 Mrd. US-Dollar von 19 russischen Banken in die westliche Welt geschleust. Das Geld wurde in über 27.000 Transaktionen an 5.140 Unternehmen mit Konten bei 732 Banken in 96 Ländern verteilt. Das kriminelle Netzwerk schuf 21 Kernunternehmen mit Sitz in Großbritannien, Zypern und Neuseeland. Diese Firmen wurden von verdeckten Inhabern geführt. Mehr als 500 Parteien waren an der Abwicklung der Handelsgeschäfte beteiligt, die ein von komplexen Beziehungen geprägtes Netzwerk bildeten, hinter dem sich Mantelgesellschaften, Direktoren und Treuhänder verbargen.

Aus den Dokumenten zu TBML-Richtlinien geht hervor, dass die Überwachungssysteme von Transaktionen nicht in der Lage sind, eine effektive Überwachung von Transaktionen angesichts solch komplizierter Netzwerke von illegalen Unternehmen zu gewährleisten. Welche Technologie könnte also helfen? Mit einfachen Worten: Eine Lösung, die den Kontext der von Kunden durchgeführten Transaktionen einbezieht, um zu verstehen, um welche Kunden es sich handelt, welche Unternehmen sie kontrollieren und wie diese untereinander verbunden sind. Dieser Kontext kann nur aufgedeckt werden, wenn die richtigen internen und externen Datenquellen zusammengeführt werden. 

Wahrheitsgetreues Bild der Bankkunden

So kann etwa durch das Kombinieren von Transaktionsdaten mit Informationen, die sich aus der Erfassung von Forderungen aus Lieferungen und Leistungen ergeben, und mit Daten über die Lieferkette und anderen internen oder externen Informationen ein wahrheitsgetreues Bild der Bankkunden gewonnen werden – einschließlich der Art und Weise, wie diese finanziell miteinander interagieren. Durch so angereicherte SARs können Unternehmen und ihre Netzwerke bewertet, überwacht und untersucht werden und es können Berichte über sie erstellt werden. Darüber hinaus kann der Informationsaustausch zwischen allen relevanten Parteien automatisiert, gesichert, verschlüsselt und kontrolliert erfolgen.

Die Technologie zur handelsbasierten Eindämmung von Geldwäsche existiert bereits, doch es gibt in der Finanzbranche keine partnerschaftliche Herangehensweise. Bei der Bekämpfung der Finanzkriminalität – handelt es sich jedoch um eine Herausforderung, der sich Banken, Regulierungs-, Regierungs- und Technologieanbieter gemeinsam stellen sollten. Auch wir, die Bekämpfer der Kriminalität, sollten „geheime Absprachen“ treffen, um die Geldwäscher mit ihren eigenen Mitteln zu schlagen.

Autorin



Mariola Marzouk
ist Global Head of Financial Crime and Fraud Insights bei BAE Systems, einem Lösungsanbieter für erweiterte Analysen zur Aufdeckung und Prävention von Geldwäsche- und Betrugsversuchen sowie zur Einhaltung von Compliance-Verpflichtungen.

Bildquelle: iStock.com/DNY59


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