Nur geringes staatliches Ausfallrisiko im Baltikum
10.04.2019

Die Geldwäsche-Skandale in den baltischen Ländern haben zu Unsicherheit bezüglich der langfristigen finanziellen Stabilität in Estland, Lettland und Litauen geführt. Der Analyst Levon Kameryan bewertet die Bonitätsrisiken der Länder. 

Was sind die letzten aktuellen Entwicklungen in den Skandalen?

Levon Kameryan: Die Behörden in den nordischen und baltischen Ländern scheinen das Problem nun endlich in den Griff zu bekommen. Nichtansässige – oft kamen sie aus Russland – schleusten mutmaßlich „Hochrisiko“-Geld in hohen Mengen von den baltischen Niederlassungen der nordeuropäischen Institute in das westliche Bankensystem. Die estnischen Behörden forderten die Danske Bank im November 2019 dazu auf, ihre geschäftlichen Aktivitäten in Estland innerhalb von acht Monaten einzustellen. Die Swedbank, das größte Geldhaus im Baltikum, muss sich einer gemeinsamen Untersuchung der estnischen und schwedischen Behörden stellen. Die Nordea Bank ist sogar mit mehreren Strafanzeigen konfrontiert.

Die Vorgänge in den Instituten haben die dortigen Aufsichtsbehörden und Aktionäre erschüttert. Worin besteht die Hauptgefahr für die baltischen Staaten?

Kameryan: Wesentlich ist, dass die Finanzsektoren Estlands, Lettlands und Litauens stark auf die nordeuropäischen Banken angewiesen sind. Die Swedbank, die SEB Bank sowie die Luminor Bank (aktuell im Besitz von Nordea und der norwegischen DNB Bank, jedoch kurz vor der Übernahme der Blackstone Group) machen mehr als 80 Prozent der Vermögenswerte und Einlagen des estnischen und lettischen Bankensystems aus, bezogen auf Litauen sind es rund zwei Drittel. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die vollständigen Auswirkungen der Geldwäsche-Skandale nur schwer vorhersehbar. Für die nordischen Banken besteht jedoch die Gefahr, dass sie das Baltikum verlassen müssen, da sich das Reputationsrisiko für den dortigen Bankensektor verschlechtert hat. Es ist jedoch unklar, wer die betroffenen Institute ersetzen könnte. Estland, Lettland und Litauen bleiben weiterhin kleine und offene Volkswirtschaften, die von ausländischen Geldgebern und deren Investitionen abhängig sind. 

Warum könnte ein Abzug der nordeuropäischen Banken aus dem Baltikum eine Herausforderung darstellen?

Kameryan: Die baltischen Staaten profitieren derzeit davon, dass sich ihr Bankensystem zum größten Teil im Besitz von Kreditgebern mit guter Eigenkapitalausstattung befindet. Im dritten Quartal 2018 betrug die Kernkapitalquote der estnischen Banken 30,7 Prozent – das ist der höchste entsprechende Wert in der Eurozone. In Lettland und Litauen lagen die jeweiligen Quoten bei immer noch robusten 19,9 Prozent bzw. 18,5 Prozent. Zudem bleibt die Bonität hoch, was sich in der niedrigen und fallenden Quote für notleidende Kredite widerspiegelt. Sie liegt bei unter zwei Prozent in Estland und bei rund drei Prozent in Litauen; sie ist in Lettland nur geringfügig höher.    
 
Wie haben die Investoren auf die Lage bisher reagiert?

Kameryan: Das staatliche Ausfallrisiko in den baltischen Staaten ist im Vergleich zu anderen Ländern in Mittel- und Osteuropa weiterhin eines der geringsten. Die CDS-Spreads für Staatsanleihen weiteten sich auch nach den Verfehlungen nur geringfügig aus.

Haben die Investoren recht, wenn sie bezüglich der Kreditwürdigkeit der baltischen Länder optimistisch sind?

Kameryan: Die öffentlichen Finanzen befinden sich in den baltischen Staaten in einer guten Verfassung. Zwischen Banken und Staaten sind die Verflechtungen zudem nur gering ausgeprägt. In Estland lag die Staatsschuldenquote im Jahr 2018 bei acht Prozent – das ist die bei weitem geringste Quote in der EU. Bezogen auf 2018 lagen die Quoten in Litauen und Lettland bei moderaten 35 Prozent bzw. 37 Prozent.

Autor: Levon Kameryan, Analyst der Rating-Agentur Scope
Co-Autor: Matthew Curtin, Rating-Agentur Scope
Übersetzung: Dogan Michael Ulusoy

Bildquelle: traveler1116 | istockphoto.com


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