Regulierung zur Nachhaltigkeit nimmt Fahrt auf
23.01.2020

Seit geraumer Zeit wird das Bewusstsein des Finanzsektors für Aspekte der Nachhaltigkeit geschärft. Chancen und Risiken durch Veränderungen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung (Environmental, Social and Governance, ESG) stehen bei vielen für das neue Jahr weit oben auf der Agenda der Prioritäten, und im Finanzsektor lässt sich eine deutliche Steigerung der Nachfrage nach nachhaltigen Produkten feststellen.

Im Dezember 2019 gab es seitens der Standardsetzer und Regulierungsbehörden weitere wegweisende Publikationen in diesem Sektor. So hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) noch am 20. Dezember 2019 die finale Fassung des zuvor kontrovers diskutierten Merkblatts zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken veröffentlicht. Zwei Tage zuvor hatten sich das Europäische Parlament und der Rat auf die Vorgehensweise zur Festlegung der weltweit ersten „grünen Liste“ geeinigt, einer Klassifikation nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten (Taxonomie). Und bereits am 6. Dezember 2019 hatte die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) einen Aktionsplan zur nachhaltigen Finanzierung vorgelegt, der sowohl anstehende Regulierungsmaßnahmen als auch Erwartungshaltungen der EBA zum Umgang insbesondere mit Klimarisiken in Instituten definiert. Alle Maßnahmen sind im Kontext des EU-Aktionsplans zur Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums vom 8. März 2018 zu sehen.

Die neuen Veröffentlichungen bringen mehr Klarheit u. a. für Institute, Versicherungsunternehmen und Kapitelverwaltungsgesellschaften. Sofern nicht schon längst angestoßen, wächst der Bedarf, sich ganzheitlich mit Nachhaltigkeit zu befassen – von der Geschäfts- und Risikostrategie über die Zusammensetzung des Kunden- und Anlageportfolios bis hin zu Prozessen in Vertrieb, Refinanzierung, Risikosteuerung, Produktentwicklung und Berichterstattung.

BaFin-Merkblatt als Orientierungshilfe

Am 24. September 2019 hatte die BaFin den Entwurf des Merkblatts zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken in einer Konsultationsfassung veröffentlicht. Die Konsultationsfrist lief bis zum 3. November 2019. In dieser Zeit haben die Verbände des Finanzsektors von der Gelegenheit einer Stellungnahme regen Gebrauch gemacht. Ihre Forderungen rangierten von einem kompletten Verzicht auf das Merkblatt bis hin zur Anpassungen einzelner Sachverhalte im Detail.

In der finalen Fassung des Merkblatts hat die BaFin dann versucht, 39 Eingaben zu berücksichtigen. Wesentliche Anpassungen innerhalb der bestehenden Kapitel betreffen vor allem die grundsätzliche Positionierung, die bessere Verzahnung mit bestehenden Regularien und einige Klarstellungen, sowie vor allem eine in Teilen deutliche Reduktion des Detailgrades der Empfehlungen. Mitte Januar wurde eine englische Übersetzung des Merkblatts zur Verfügung gestellt.

Aufsichtsschwerpunkte 2020

Am 16. Januar 2020 hat die BaFin ihre Aufsichtsschwerpunkte für 2020 veröffentlicht und das Thema „nachhaltige Finanzwirtschaft“ als einen von vier Schwerpunkten ihrer Tätigkeit genannt, die sich aus den strategischen Zielen der BaFin ableiten und ihre Aufsichts- und Prüfungsplanung in 2020 prägen. Mit Blick auf das Merkblatt stellt die BaFin klar, dass sie im Jahr 2020 ein Konzept und eine Strategie entwickeln wird, um das aufsichtliche Ambitionsniveau für das Management von Nachhaltigkeitsrisiken zu konkretisieren. Ab 2021 sollen Nachhaltigkeitsrisiken laut BaFin systematisch durch bestehende Aufsichtsinstrumente erfasst und adressiert werden. Zugleich engagiert sich die BaFin in verschiedenen nationalen, europäischen und internationalen Gremien. Unter anderem beteiligt sie sich im „Network on Greening the Financial System“ (NGFS). Hier steht 2020 die Erarbeitung eines Handbuchs für Aufsichtsbehörden sowie die Entwicklung klimarisikobezogener Szenarien und entsprechender Anwendungsrichtlinien im Mittelpunkt. Ferner steht die BaFin im Austausch mit Entwicklern und Anbietern von analytischen Tools zur Bestimmung von Nachhaltigkeitsrisiken, um eine aufsichtliche Nutzung zu prüfen.

Grundsätzliche Positionierung

Auf deutlichen Wunsch des Finanzsektors wurde die Unverbindlichkeit der Empfehlungen des Merkblatts unterstrichen und klargestellt, dass die beaufsichtigen Unternehmen in der Wahl ihrer Ansätze und Methoden zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken frei sind. Schon bislang hatte die BaFin das Merkblatt als Orientierungshilfe und Zusammenstellung von sinnvollen Verfahrensweisen bezeichnet, an der sich die beaufsichtigten Unternehmen ausrichten können. Mit der finalen Fassung wird jetzt konstatiert, dass die BaFin „zunächst“ nicht das Ziel verfolgt, mit dem Merkblatt konkrete Prüfungsanforderungen zu formulieren.

Gleichwohl würden jedoch später entsprechende prüfungsrelevante Vorgaben aus europäischer Sicht auf die Unternehmen zukommen. Hier können zum Beispiel im Bankensektor die EBA-Leitlinien zur Kreditvergabe und -überwachung angeführt werden, deren finale Fassung Ende des ersten Quartals 2020 zu erwarten ist. Diese Leitlinien machen unter anderem Vorgaben zur Integration von ESG-Faktoren in die Risikomanagement- und Kreditvergaberichtlinien der Institute. Die erstmalige Anwendung war bislang ab dem 30. Juni 2020 geplant. Ähnliche Vorstöße gibt es seitens der Versicherungsaufsicht EIOPA. Für Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge sind entsprechende Vorschriften bereits in Kraft. Deswegen ist das Merkblatt ohnehin ein Vorbote entsprechender verbindlicher Regelungen auf europäischer Ebene.

Die BaFin bleibt weiterhin bei der Einordnung, dass die schon bestehenden verbindlichen gesetzlichen oder aufsichtlichen Vorgaben (konkretisiert zum Beispiel durch MaRisk, MaGo, KAMaRisk ) im Hinblick auf Nachhaltigkeitsrisiken durch das Merkblatt weder abgeschwächt noch erweitert werden. Betont wird nunmehr der Hinweis, dass die BaFin mit dem Merkblatt einer Empfehlung des „Network for Greening the Financial System (NGFS)“ nachkommt, klimabezogene Risiken in die Aufsicht einzubinden und aufsichtliche Erwartungen zu formulieren. BaFin und Deutsche Bundesbank sind selbst Mitglieder des Lenkungsausschusses dieser internationalen Initiative.

In der finalen Fassung gibt es eine Reihe von Klarstellungen gegenüber dem Entwurf. Die BaFin hat vor allem Begrifflichkeiten aus angrenzenden Regulierungen wie den MaRisk nunmehr stärker auf das Merkblatt abgestimmt. Dies gilt unter anderem für die Betonung, dass Nachhaltigkeitsrisiken keine eigenständige Risikoart, sondern als Faktoren bzw. Treiber der bekannten Risikoarten zu betrachten sind (z. B. Kreditrisiken, Liquiditätsrisiken, Marktpreisrisiken) und in diese „übersetzt“ werden müssen, sowie für die Schnittstelle zu den besonderen Funktionen nach MaRisk bzw. zu Schlüsselfunktionen nach VAG (zuvor „Governance-Funktionen“ genannt.)

Reduktion des Detailgrads

Vor allem aber hat die BaFin in zahlreichen Fällen zum einen den Empfehlungscharakter der Inhalte herausgestellt („sollte“) und zum anderen den Detailgrad der Empfehlungen reduziert. Damit unterstreicht sie zusätzlich den schon im Vorfeld betonten Proportionalitätsgedanken und lässt den Unternehmen ausreichend Freiraum zur Auseinandersetzung mit einem angemessenen Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken, der nicht nur das individuelle Risikoprofil, sondern auch das Geschäftsmodell berücksichtigt.

Folgende Beispiele können hierbei genannt werden:

  • Streichung der ggf. freiwilligen Berücksichtigung durch von der EZB überwachte Institute
  • Unterstreichung des Proportionalitätsgedankens gemäß sektorspezifischen Vorgaben
  • Relativierung der aufgezeigten Beispiele und Fragen für eine mögliche Strategiediskussion
  • Löschung des Hinweises, dass angemessene Risikobewertungen „häufig nur durch Stresstests“ zu gewährleisten sind (wenngleich diesen weiterhin eine zentrale Bedeutung eingeräumt wird)
  • Streichung der Empfehlung zu notwendigen Überprüfungsprozessen für die Einhaltung freiwilliger Nachhaltigkeitsstandards
  • Relativierung der Notwendigkeit zur Nutzung externer Quellen bei der Risikoidentifizierung
  • starke Kürzung des Detailgrads der Inhalte zu Verantwortlichkeiten in der Geschäftsorganisation, auch bezüglich „Markt“ bzw. „Marktfolge“ (kein Erst-/Zweitvotum)
  • Umformulierung der Einstellung von Experten in der Risikocontrolling-Funktion zugunsten einer etwaigen „Verstärkung“ der besonderen bzw. Schlüsselfunktionen
  • keine Empfehlung für die Compliance-Funktion zur Überwachung der Einhaltung freiwillig angewendeter Nachhaltigkeitsstandards
  • Klarstellung der Berichterstattung für interne Zwecke nur, falls noch nicht bei bestehenden Risikoarten mitberücksichtigt
  • Relativierung zur Verwendung von langfristigen Szenario-Analysen und Klarstellung, dass der Zeitraum für Auswirkungsszenarien dem konsistenten und langfristigen Planungszeitraum eines Unternehmens entspricht
  • Fokus der Regelungen für Auslagerungsverträge auf „wesentliche“ Auslagerungen
  • Relativierung der Empfehlung zur Berücksichtigung freiwillig angewendeter Standards auch durch Dienstleister im Fall von Auslagerungen
  • Berücksichtigung von „spezialgesetzlichen“ Regelungen hinsichtlich des gruppenweiten Umgangs mit Nachhaltigkeitsrisiken.

Auch wenn deutlich wird, dass die BaFin bei der Erstellung der finalen Fassung des Merkblatts den Anmerkungen des Finanzsektors entgegenkommt, bleiben die wesentlichen Empfehlungen in der Substanz erhalten. Die im EBA-Aktionsplan vom 6. Dezember 2019 artikulierte Erwartungshaltung deckt sich in Kernaspekten weitestgehend mit den Empfehlungen der Aufsicht. Zusammen mit den zu erwartenden Regelungen auf europäischer Ebene besteht weiterhin für alle beaufsichtigten Unternehmen die Notwendigkeit, sich mit einen angemessenen Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken nachvollziehbar auseinanderzusetzen.

EU-Taxonomie als wesentlicher Bestandteil des EU-Aktionsplans

Die vorläufige Einigung hinsichtlich der Taxonomie ist wesentlicher Bestandteil des Aktionsplans der EU-Kommission zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums und entspricht dem Ziel der Kapitalmarktunion, das Finanzwesen mit den Bedürfnissen der Realwirtschaft zu vereinen. Hierzu wurde am 18. Dezember 2019 der Entwurf einer „Verordnung zur Etablierung eines Rahmenwerks für nachhaltige Investitionen und die Änderung der Verordnung 2019/2088 zu nachhaltigkeitsbezogenen Offenlegungen des Finanzdienstleistungssektors“ veröffentlicht.

Grundsätzlich hat eine einheitliche Taxonomie enorme Bedeutung für Institute, Versicherungsunternehmen und Kapitalverwaltungsgesellschaften. Es ergeben sich nämlich unmittelbare Auswirkungen auf die Gesetzgebung und Beaufsichtigung (zum Beispiel für nachgelagerte Vorhaben wie Green Bonds, Eco-Labels und Nachhaltigkeitsfonds) sowie Anforderungen an die produkt- bzw. unternehmensspezifische Offenlegung und das Reporting von Finanzmarktteilnehmern, Emittenten und großen Unternehmen. Entsprechende Klassifizierungen können ebenfalls eine Rolle spielen bei der Risikobewertung von Geschäftsaktivitäten und einer ggf. zukünftigen aufsichtlichen Privilegierung bei den Eigenmittelanforderungen.

Eine einheitliche Taxonomie soll es vor allem institutionellen und privaten Anlegern ermöglichen, sich ein Urteil darüber zu bilden, ob eine Investition tatsächlich umweltfreundlich ist. Anleger könnten damit bei Investitionen künftig EU-weit von der gleichen Grundlage ausgehen.

Bisher gab es kein einheitliches Klassifikationssystem, das die Bestimmung ökologisch nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten erlaubt hätte. Mit Hilfe einer „grünen Liste“ soll zum einen die Fragmentierung, die durch marktbasierte Initiativen und nationale Praktiken entsteht, reduziert werden, sowie dem sog. „Greenwashing“ entgegengewirkt werden, d. h. der Vermarktung von Anlageprodukten als „grün“ oder „umweltfreundlich“ gepriesen werden, obwohl sie den grundlegenden Umweltstandards nicht entsprechen.

Umweltziele und Klassifizierung

Mit der politischen Einigung wird zumindest ein grundlegender Rahmen dafür festgelegt, was als ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeit klassifiziert werden kann. Es werden sechs Umweltziele zugrunde gelegt:

  1. Klimaschutz
  2. Anpassung an den Klimawandel
  3. nachhaltige Nutzung und Schutz der Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  6. Schutz und Wiederherstellung der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme.

Die wirtschaftlichen Tätigkeiten müssen vier Kriterien erfüllen, um als nachhaltig klassifiziert werden zu können: (i) sie leisten einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem der sechs Umweltziele, (ii) sie verursachen im Hinblick auf die anderen Umweltziele „keinen erheblichen Schaden“, (iii) sie entsprechen robusten, wissenschaftlich fundierten technischen Evaluierungskriterien, (iv) sie halten Mindeststandards in den Bereichen Soziales und Unternehmensführung ein.

Am Konzept der Neutralität in Bezug auf die verschiedenen Energieformen wird grundlegend festgehalten, unter der Bedingung, dass diese Energien geringe Treibhausgasemissionen verursachen. In der Taxonomie sind zudem die Unterkategorien „förderliche Tätigkeiten“ und „Übergangstätigkeiten“ enthalten. Sie können als nachhaltig qualifiziert werden, sofern sie bei anderen Wirtschaftsaktivitäten dazu beitragen, die Umweltziele zu erreichen. Für jedes Finanzprodukt ist künftig offenzulegen, welcher Anteil in diese förderlichen Tätigkeiten und Übergangstätigkeiten investiert wird.

Die EU-Kommission wird nun auf der Basis dieser Rahmenbedingungen beauftragt, die tatsächliche Klassifikation zu erarbeiten, indem sie durch delegierte Rechtsakte technische Bewertungskriterien für jedes Umweltziel und für jeden Sektor bestimmt. Die neue Verordnung ist nach dem Verfahren der „frühzeitigen Einigung in zweiter Lesung“ im Anschluss an die Überarbeitung durch die Rechts- und Sprachsachverständigen von Rat und Parlament noch förmlich anzunehmen.

Wesentliche Inhalte des EBA-Aktionsplans

Am 6. Dezember 2019 hat die EBA einen bis zum Jahr 2025 reichenden Aktionsplan zur nachhaltigen Finanzierung veröffentlicht. Demnach müssen Institute in der Lage sein, Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Risiken zu messen und zu überwachen, um Transitions- und physischen Risiken, die der Klimawandel mit sich bringt, begegnen zu können. Der Aktionsplan beschreibt die aufsichtliche Erwartungshaltung der EBA sowie den Ansatz und den Zeitplan für die Erbringung von Mandaten im Zusammenhang mit ESG-Faktoren. Sie basieren auf (i) der geänderten EBA-Verordnung, (ii) der überarbeiteten Eigenkapitalverordnung (CRR II) und der Eigenkapitalrichtlinie (CRD V), (iii) der neuen Wertpapierfirmenverordnung (IFR) und der Wertpapierfirmenrichtlinie (IFD) sowie (iv) dem Aktionsplan der EU-Kommission und den damit verbundenen Legislativpaketen.

Bei der Umsetzung des Aktionsplans wird sich die EBA zunächst auf das Strategie- und Risikomanagement und die damit verbundenen Schlüsselkennzahlen sowie die Offenlegung konzentrieren. Danach soll ein spezieller Stresstest zum Klimawandel entwickelt werden. Schließlich plant die Europäische Bankenaufsichtsbehörde, Einzelheiten zur aufsichtsrechtlichen Behandlung von „grünen“ Forderungen zu untersuchen und ggfs. die Risikogewichte bei der Eigenmittelunterlegung entsprechend anzupassen.

Die geplante Arbeit zielt auch darauf ab, den Aufsichtsbehörden angemessene Instrumente zur Verfügung zu stellen, um ESG-Risiken im Rahmen ihrer Aufsichtspraktiken zu verstehen, zu überwachen und zu bewerten. Dafür ist – zusätzlich zu den spezifischen Mandaten – ein allgemeines Mandat zur Überwachung des ESG-Risikos vorgesehen, das gleichzeitig wesentlicher Bestandteil der allgemeinen Arbeit zur Verbesserung der Stabilität des Bankensektors ist.

Im Folgenden werden die wichtigsten EBA-Mandate im Rahmen der genannten Themenschwerpunkte dargestellt.

Strategie und Risikomanagement

Hierbei handelt es sich um ein sehr umfangreiches Mandat, das einen weitreichenden Vorschlag in Form eines Berichts für das Management von ESG-Risiken und deren Integration in Governance / Risikomanagement (einschließlich Szenarioanalyse und Stresstests) und Aufsicht im Rahmen des aufsichtlichen Überprüfungs- und Bewertungsprozesses SREP (Supervisory Review and Evaluation Process) enthält. Aufgrund der Komplexität dieses Mandats will die EBA im zweiten bzw. dritten Quartal 2020 zunächst ein Diskussionspapier veröffentlichen, bevor sie den Abschlussbericht bis zum 28. Juni 2021 fertigstellt. Rechtliche Grundlage hierfür ist Art. 98 Abs. 8 CRD V.

Basierend auf den Ergebnissen dieses Berichts kann die EBA dann Leitlinien zur einheitlichen Einbeziehung von ESG-Risiken in den SREP herausgeben und auch andere regulatorische Maßnahmen – einschließlich der Anpassung von Leitlinien für die interne Unternehmensführung, Auslagerungsvereinbarungen oder Kreditvergabe und -überwachung – ändern oder ergänzen. Die anstehenden Leitlinien für Kreditvergabe und -überwachung werde das erste spezifische „Produkt“ sein, das explizit Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigt.

Die EBA ermutigt die Institute, Nachhaltigkeitsüberlegungen proaktiv in ihre Geschäftsstrategie und das Risikomanagement zu integrieren und entsprechende Geschäftsplanungen sowie Risikosteuerungs-, Kontroll- und Entscheidungsprozesse anzupassen.

Schlüsselparameter und Offenlegung

Gemäß Mandat in Art. 434 a CRR II wird die EBA umfassende technische Standards zur Umsetzung der in Teil 8 CRR enthaltenen Offenlegungsanforderungen entwickeln. Die Frist für die Übermittlung der technischen Standards an die EU-Kommission läuft bis zum 28. Juni 2020. Für die ESG-bezogenen Offenlegungen nach Art. 449a CRR II für große, kapitalmarktorientierte Institute gilt eine Ausnahmeregelung, diese gelten (im Gegensatz zu den meisten Offenlegungspflichten in Teil 8 CRR, die ab 28. Juni 2021 gelten) erst ab dem 28. Juni 2022. Die ESG-bezogenen Angaben basieren auf bestehenden Arbeiten, wie den Leitlinien der EU-Kommission zur nichtfinanziellen Berichterstattung, einer Ergänzung zur Berichterstattung über klimarelevante Informationen, der EU-Taxonomie und den Empfehlungen der FSB-Task Force zu klimarelevanten finanziellen Angaben. Diese Informationen sollen für eine Aktualisierung der technischen Standards (geplant für 2021) verwendet werden.

Die EBA ermutigt die Institute, ihre Aktivitäten auf dem Gebiet der nichtfinanziellen Berichterstattung fortzusetzen. Dabei schlägt sie vor, die Identifikation einiger einfacher Kennzahlen zu priorisieren, die Transparenz auf den Gebieten der Klimarisiken und deren Integration die Geschäfts- und Risikostrategie der Institute ermöglicht. Die Behörde verweist auf Anhang I der Leitlinien zur nichtfinanziellen Berichterstattung, der ausgewählte Indikatoren enthält.

Stresstest und Szenarioanalysen als Bestandteil des Risikomanagements

Die EBA plant, einen speziellen Stresstest zum Klimawandel zu entwickeln. Damit soll die Anfälligkeit der Banken für klimabezogene Risiken ermittelt werden. Bereits in der zweiten Jahreshälfte 2020 könnte laut Aktionsplan im Rahmen der regelmäßigen Risikobewertung der EU-Banken eine Sensitivitätsanalyse für Klimarisiken für eine Stichprobe von Banken auf freiwilliger Basis durchgeführt werden. Diese Analyse würde sich auf Transitionsrisiken konzentrieren und einen längeren Zeithorizont zugrunde legen.

Darüber hinaus wird die EBA den Instituten und Aufsichtsbehörden im Rahmen des Berichts, basierend auf dem Mandat gem. Art. 98 CRD V, Leitlinien für die eigenen Stresstests zur Verfügung stellen. Entsprechend wird die EBA möglicherweise die relevanten Leitlinien zum Risikomanagement und für das Stresstesting aktualisieren.

Die EBA ermutigt letztendlich im Aktionsplan trotz aller methodischen Herausforderungen und Datenlücken die Institute, eigene Szenarioanalysen zu Klimarisiken zu entwickeln, um schrittweise die Auswirkungen von physischen Risiken und Transitionsrisiken auf die Geschäftsaktivitäten besser zu erforschen, und ruft sie zur Teilnahme am freiwilligen Stresstest zu Klimarisiken auf.

Aufsichtsrechtliche Behandlung

Das Mandat gemäß Art. 501 c CRR II fordert die EBA zur Überprüfung auf, inwieweit eine spezielle aufsichtsrechtliche Behandlung von Risikopositionen im Zusammenhang mit Vermögenswerten oder Tätigkeiten, die im Wesentlichen mit umweltbezogenen und sozialen Zielen verbunden sind, gerechtfertigt werden kann. Die Ergebnisse dieser Bewertung sollen in einem Bericht zusammengefasst werden. Aufgrund der Komplexität und möglichen Auswirkungen dieses Mandats plant die EBA, diese Arbeit in zwei Phasen –Veröffentlichung eines Diskussionspapiers sowie Erstellung eines Berichts – durchzuführen. Die Frist zur Einreichung dieses Berichts endet am 28. Juni 2025.

Der Grund für die dargestellte Abfolge liegt in der Notwendigkeit, die Geschäftsportfolien von Instituten unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten besser zu verstehen, bevor sie unter Berücksichtigung der von ihnen gewählten Strategien bewertet und gesteuert werden. Die neue EU-Taxonomie soll zudem den Instituten und Aufsichtsbehörden ermöglichen, eingehendere empirische Bewertungen der angemessenen aufsichtsrechtlichen Behandlung einzelner Produkte vorzunehmen.

Implikationen und Handlungsbedarf für den Finanzsektor

Auf die beaufsichtigten Unternehmen des Finanzsektors kommt in Abhängigkeit von Risikoprofil und Geschäftsmodell in vielen Fällen weitreichender Handlungsbedarf zu, der stets auch mit Blick auf die betriebswirtschaftlichen Chancen sowie die Möglichkeiten zur Gestaltung der Außenwahrnehmung betrachtet werden sollte.

Dabei betreffen die neuen Vorgaben aufgrund des umfassenden Charakters von Nachhaltigkeitsrisiken im Grundsatz nahezu sämtliche Bereiche und Steuerungsaspekte aller Finanzakteure. Insbesondere folgende Handlungsbedarfe können entstehen:

  • unternehmensspezifische Definition und Abgrenzung von Nachhaltigkeitsrisiken
  • Ergänzung bestehender Strategie- und Planungsprozess um Nachhaltigkeitsaspekte
  • kritische Überprüfung des Produkt- und Kundenportfolios und ggf. Anpassung des Prozesses für neue Kunden und neue Märkte
  • Zugrundelegung der Taxonomie bei der Bewertung des Produktportfolios und ggf. dem Neuen Produkte-Prozess
  • Sensibilisierung aller Mitarbeiter, um das Thema in der Unternehmens- und Risikokultur zu verankern
  • Anpassung der Prozesslandschaft und Methoden der Datenverarbeitung, inklusive Definition der benötigten Daten
  • Festlegung klarer Strukturen und Verantwortlichkeiten (Governance)
  • Sicherstellung einer angemessenen Ressourcenausstattung mit entsprechendem Expertenwissen
  • Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken im Rahmen der Geschäftsanbahnung und Portfoliosteuerung
  • Festlegung zielgerichteter Kennziffern und (Früh-)Warnindikatoren auch hinsichtlich der Überwachung der finanziellen Performance von Investitionen und Projekten
  • Überarbeitung der bestehenden Risikomodelllandschaft und Integration von Nachhaltigkeitsrisiken
  • Aufbau geeigneter Methoden und Verfahren zum Abbilden langfristiger Szenarien und Durchführung von Stresstests
  • Erweiterte Aufnahme von Nachhaltigkeitsrisiken in die interne und externe Berichterstattung
  • Festlegung von internen Risikominderungsmaßnahmen und Handlungsalternativen im Rahmen aller Geschäftsbeziehungen
  • Sicherstellung einer konsistenten Anwendung von Gruppenvorgaben in Tochterunternehmen
  • Berücksichtigung von ESG-Faktoren bei der Gestaltung von Auslagerungsvereinbarungen.

Aufgrund der Vielfalt und zunehmenden Bedeutung des Themas werden alle von der BaFin oder EZB beaufsichtigten Unternehmen nicht umhinkommen, ihre internen Prozesse, Strukturen, Leitlinien und Vertragsdokumente zu überprüfen und anzupassen. Der Analyse- und Implementierungsaufwand sollte dabei wegen der weitreichenden und umfassenden Tragweite des Themas nicht unterschätzt werden. Er erfordert das Zusammenwirken unterschiedlichster Marktbereiche mit nachgelagerten Bereichen.

Insbesondere die nach außen strahlende Wirkung auf Kunden, Rating-Agenturen und Geschäftspartner zeigt die zentrale Rolle der Finanzwirtschaft im gesamtwirtschaftlichen Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken und verlangt eine aktive und intensive Auseinandersetzung mit dem Thema. Nur so können die notwendigen internen Strukturen geschaffen und eine Akzeptanz bei Mitarbeitern und Geschäftspartnern aufgebaut werden.

Zusammenfassung und Ausblick

Die EU-Kommission hat mit dem Aktionsplan zur Finanzierung eines nachhaltigen Wachstums ein umfassendes Paket auch legislativer Maßnahmen auf den Weg gebracht. Der Finanzsektor ist dabei eine Schlüsselbranche und kann von den sich eröffnenden Chancen der Finanzierung nachhaltiger Investitionen profitieren. Bereits jetzt nutzen einzelne Akteure das Thema zur öffentlichen Aufwertung der eigenen Marke. Neben dem BaFin-Merkblatt wird in den nächsten Jahren eine Reihe von regulatorischen Maßnahmen vor allem auf europäischer Ebene ergriffen. Alle beaufsichtigten Unternehmen sollten diese eng verfolgen.

 

Die Autoren (Christoph Betz, Thilo Kasprowicz, Markus Quick, Dr. Sebastian Rick, Gerald Rosenfeld, Maren Schmitz und Dr. Roman Schulze) sind Partner, Senior Manager oder Manager aus den Bereichen Banking, Asset Management und Insurance der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG AG. 

Bildquelle: Photo by Arteum.ro on Unsplash


[zurück]
Weitere interessante News